Carlos Castaneda – Das Feuer von innen

Kapitel 2: Die kleinen Tyrannen

Erst zwei Monate später sprach Don Juan mit mir wieder über die Meisterschaft der Bewußtheit. Wir befanden uns in dem Haus, wo der Zug des Nagual wohnte.

»Laß uns einen Spaziergang machen«, sagte Don Juan zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter. »Oder besser, gehen wir auf den Marktplatz der Stadt, wo eine Menge Menschen sind, und setzen wir uns dort auf eine Bank, um miteinander zu reden.« Ich wunderte mich, daß er einen solchen Vorschlag machte, denn ich war schon ein paar Tage dort im Hause, ohne daß er mehr als »Hallo« zu mir gesagt hätte.

Als Don Juan und ich das Haus verließen, trat uns la Gorda in den Weg und verlangte, wir sollten sie mitnehmen. Sie schien entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen. Don Juan sagte ihr aber in sehr bestimmtem Ton, er habe etwas mit mir persönlich zu besprechen.

»Ihr wollt über mich reden«, sagte la Gorda, und ihre Stimme wie ihre Haltung drückten Zorn und Mißtrauen aus.

»Du hast recht«, antwortete Don Juan ungerührt. Er ging an ihr vorbei, ohne sie anzusehen.

Ich folgte ihm, und wir wanderten schweigend zum Marktplatz. Nachdem wir uns gesetzt hatten, fragte ich ihn, was in aller Welt wir über la Gorda zu besprechen hätten. Ich litt noch an ihrem drohenden Blick, als wir aus dem Haus gegangen waren. »Nichts haben wir über la Gorda zu besprechen, oder über sonst jemanden«, sagte er. »Ich hab ihr das nur gesagt, um ihren gewaltigen Eigendünkel zu provozieren. Und, siehst du, es hat geklappt. Sie ist wütend auf uns. Wie ich sie kenne, redet sie sich inzwischen ein, wir hätten sie zurückgewiesen und für dumm verkauft, und wahrscheinlich hat sie sich mittlerweile in eine rechtschaffene Empörung hineingesteigert. Würde mich gar nicht wundern, wenn sie uns hier, auf dieser Parkbank, überfallen würde.«

»Aber worüber werden wir sprechen, wenn nicht über la Gorda?« fragte ich.

»Wir werden das Gespräch fortsetzen, das wir in Oaxaca angefangen haben«, erwiderte er. »Es geht um die Erklärung des Bewußtseins, und dies wird dich alle Anstrengung kosten. Mach dich bereit, immer wieder zwischen den beiden Ebenen der Bewußtheit zu wechseln. Für die Dauer dieses Gesprächs verlange ich deine ganze Aufmerksamkeit und Konzentration.«

In leicht anklagendem Ton sagte ich, wie unangenehm es mir gewesen sei, als er sich die letzten beiden Tage weigerte, mit mir zu sprechen. Er sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ein Lächeln huschte über seine Lippen und verschwand wieder. Ich begriff, er wollte mir zu verstehen geben, daß ich nicht viel besser sei als la Gorda.

»Ich wollte nur deinen Eigendünkel provozieren«, sagte er stirnrunzelnd. »Der Eigendünkel ist dein größter Feind. Denk mal darüber nach: was uns schwächt, ist unser Gefühl, durch das Tun und Lassen unserer Mitmenschen verletzt zu sein. Unser Eigendünkel bewirkt, daß wir uns die meiste Zeit unseres Lebens von irgend jemandem gekränkt fühlen. Die neuen Seher empfahlen, der Krieger solle sich nach Kräften bemühen, den Eigendünkel aus seinem Leben auszutilgen. Ich habe versucht, diese Empfehlung zu befolgen, und meine ganze Arbeit mit dir zielte darauf ab, dir zu demonstrieren, daß wir ohne Eigendünkel unverletzlich sind.«

Während ich ihm zuhörte, leuchteten seine Augen plötzlich auf. Ich meinte schon, er werde in ein Gelächter ausbrechen, wozu doch gar kein Grund bestand, als mich plötzlich ein schmerzhafter Schlag auf meine rechte Backe aufschreckte. Ich sprang auf. La Gorda stand hinter mir – die Hand noch immer erhoben. Ihr Gesicht glühte vor Zorn.

»So, jetzt kannst du über mich reden, soviel du willst. Jetzt hast du wenigstens Grund dazu«, schrie sie. »Und falls du etwas zu sagen hast, sag es mir ins Gesicht!«

Ihr Gefühlsausbruch hatte sie anscheinend erschöpft. Sie setzte sich auf den Straßenbeton und fing an zu weinen. Don Juan sagte nichts und lächelte belustigt. Ich war starr vor Wut. La Gorda funkelte mich an, dann drehte sie sich nach Don Juan um und sagte, wir hätten kein Recht, sie zu kritisieren. Don Juan krümmte sich vor Lachen, fast daß er sich am Boden wälzte. Er brachte kein Wort heraus. Zwei- oder dreimal versuchte er mir etwas zu sagen, aber schließlich gab er es auf und entfernte sich, seine Gestalt noch immer von einem Lachkrampf geschüttelt. Ich wollte ihm nachlaufen, und ich warf la Gorda noch einen letzten bösen Blick zu – so verächtlich fand ich sie in diesem Augenblick -, als etwas Außerordentliches in mir vorging: Auf einmal begriff ich, was Don Juan so spaßig gefunden hatte. La Gorda und ich waren uns ganz ähnlich. Beide hatten wir einen gewaltigen Eigendünkel. Meine Überraschung und Empörung darüber, geohrfeigt worden zu sein, unterschied sich in nichts von la Gordas Wut und Mißtrauen. Don Juan hatte recht. Die Bürde des Eigendünkels ist ein beschwerliches Hindernis. Ich lief hinter ihm her, in geläuterter Stimmung, und Tränen flössen mir über die Wangen. Als ich ihn eingeholt hatte, erzählte ich ihm von meiner Erkenntnis. Seine Augen funkelten lustig und boshaft.

»Was soll ich jetzt wegen la Gorda tun?« fragte ich.

»Nichts«, sagte er. »Erkenntnisse sind immer etwas Persönliches.«

Dann wechselte er das Thema und meinte, die Zeichen stünden jetzt günstiger, unser Gespräch im Hause fortzusetzen – im großen Zimmer mit den bequemen Sesseln, oder hinten im Patio, der von einer überdachten Galerie eingefaßt war. Diese beiden Bereiche, sagte er, seien für alle anderen tabu, wenn er dort seine Erklärung vortrug. Wir kamen ins Haus zurück. Don Juan erzählte den anderen, was la Gorda sich inzwischen geleistet hätte. Das Vergnügen, mit der die anderen Seher la Gorda hänselten, brachte diese in eine unangenehme Lage.

»Den Eigendünkel kann man nicht mit Höflichkeiten bekämpfen«, meinte Don Juan, als ich la Gorda sagte, wie leid es mir täte.

Dann bat er die anderen, aus dem Zimmer zu gehen. Wir setzten uns, und Don Juan fing an mit seiner Erklärung. Er sagte, man könne die Seher, und zwar die alten wie die neuen, in zwei Gruppen unterteilen. Die einen seien bereit, sich in Selbstzucht zu üben und ihr Streben auf praktische Ziele zu richten, mit denen sie anderen Sehern, und den Menschen überhaupt, dienen könnten. Die anderen hätten weder mit Selbstzucht noch mit praktischen Zielen viel im Sinn. Die letzteren, darin seien die Seher sich einig, hätten versäumt, das Problem des Eigendünkels zu lösen.

»Der Eigendünkel ist keine einfache oder unschuldige Angelegenheit«, erklärte er. »Zum einen ist er der Kern all dessen, was gut ist an uns, aber zum anderen ist er der Kern all dessen, was faul ist. Um den faulen Teil des Eigendünkels loszuwerden, braucht es ein Meisterstück der Strategie. Und wem dies gelungen ist, dem haben die Seher zu allen Zeiten höchstes Lob gespendet.«

Ich wandte ein, daß mir die Vorstellung, den Eigendünkel auszulöschen, auch wenn sie mir oft überzeugend erscheine, doch unbegreiflich sei. Seine Empfehlung, ihn so einfach abzulegen, erschiene mir so unbestimmt, daß ich sie nicht befolgen könne.

»Man muß sehr einfallsreich sein«, sagte er, »wenn man dem Pfad des Wissens folgen will. Weißt du, auf dem Pfad des Wissens ist nichts so klar, wie wir es gerne hätten.«

Mein Unbehagen war nicht beschwichtigt, und ich sagte ihm, daß seine Ratschläge mich irgendwie an die Dogmen der katholischen Kirche erinnerten. Nachdem ich ein Leben lang von den Übeln der Sünde hätte predigen hören, sei ich jetzt abgestumpft.

»Wenn der Krieger seinen Eigendünkel bekämpft, so geschieht dies nicht aus Prinzip, sondern als Strategie«, antwortete er. »Du machst nur den Fehler, meine Worte unter moralischem Blickwinkel zu sehen.«

»Aber ich sehe in dir einen sehr moralischen Mann, Don Juan«, sagte ich.

»Du hast lediglich meine Makellosigkeit bemerkt, das ist’s wohl«, sagte er.

»Makellosigkeit, Ablegen des Eigendünkels – das sind mir viel zu unbestimmte Ideen, als daß ich etwas damit anfangen könnte«, stellte ich fest.

Don Juan unterdrückte ein Lachen, während ich ihn aufforderte, mir doch die Idee der Makellosigkeit ausführlicher zu erklären.

»Makellosigkeit, das ist nichts anderes als das richtige Einsetzen von Energie«, sagte er. »Meine Erklärung hat wirklich nichts mit Moral zu tun. Ich habe lediglich genug Energie aufgespart, und das macht mich makellos. Aber um diese Dinge zu verstehen, müßtest du selber genug Energie aufsparen.«

Wir schwiegen einige Zeit. Ich versuchte mir vorzustellen, was er eben gesagt hatte. Unvermittelt sprach er weiter. »Die Krieger legen sich ein strategisches Inventar zu«, sagte er. »Sie listen alles auf, was sie tun. Und dann entscheiden sie, welche von diesen Dingen sich ändern lassen – unter dem Gesichtspunkt, die Verausgabung von Energie hinauszuschieben.« Ein solches Verzeichnis, wandte ich ein, müsse wohl alles einbeziehen, was es unter der Sonne gibt. Er aber meinte geduldig, daß die strategischen Inventare, von denen er spräche, nur solche Verhaltensweisen enthielten, die für unser Wohl und unser Überleben wichtig wären. Ich konnte mir nicht versagen, ihm vorzuhalten, daß Wohl und Überleben endlos interpretierbare Begriffe seien. Und daß niemals Einigkeit erreicht werden würde hinsichtlich dessen, was für unser Wohl und unser Überleben notwendig sei, und was nicht.

Aber wie ich so drauflosredete, verließ mich mein Schwung. Schließlich gab ich es auf, weil ich die Vergeblichkeit meiner Argumente einsah. Im strategischen Inventar eines Kriegers, sagte Don Juan, sei der Eigendünkel derjenige Posten, der die meiste Energie verbrauche – daher das Bestreben, ihn loszuwerden.

»Eines der wichtigsten Anliegen eines Kriegers ist, diese Energie freizusetzen, um mit ihrer Hilfe dem Unbekannten entgegenzutreten«, fuhr Don Juan fort. »Das Umdirigieren dieser Energie -das ist Makellosigkeit.«

Die erfolgreichste Strategie hätten, wie er sagte, die Seher aus der Zeit der Konquista ausgearbeitet, diese unbestrittenen Meister des Pirschens. Sie bestünde aus sechs Elementen, die einen Zusammenhang bildeten. Fünf davon bezeichneten wir als die Attribute der Kriegerschaft:

Kontrolle, Disziplin, Voraussicht, >Timing< und Wille.

Sie gelten für die Welt des Kriegers, der darum kämpfe, seinen Eigendünkel abzulegen. Das sechste Element, das wichtigste vielleicht, gelte für die äußere Welt, und wir bezeichneten es als den »kleinen Tyrannen«.

Er sah mich an, wie um mich wortlos zu fragen, ob ich verstanden hätte oder nicht.

»Ich bin wirklich verblüfft«, sagte ich. »

Du sagst doch immer, la Gorda sei der kleine Tyrann meines Lebens. Was ist denn nun ein kleiner Tyrann?«

»Ein kleiner Tyrann ist ein Quälgeist«, erwiderte er.

»Jemand, der entweder Macht über Leben und Tod des Kriegers hat, oder ihn lediglich so lange plagt, bis er seinen Weg verläßt.«

Don Juan zeigte mir, während er sprach, ein strahlendes Lächeln. Die neuen Seher, sagte er, hätten ihr eigenes System der kleinen Tyrannen entwickelt. Die Idee an sich sei zwar eine ihrer ernsthaftesten und wichtigsten Entdeckungen, aber die neuen Seher hätten sie doch eher mit Humor aufgefaßt. In jedem ihrer Systeme, so versicherte er mir, sei ein Hauch ihres boshaften Humors spürbar, denn Humor sei das einzige Gegengewicht gegen den Drang des menschlichen Bewußtseins, Inventare anzulegen und schwerfällige Begriffssysteme zu ersinnen. Im Einklang mit ihrer Praxis, so erzählte Don Juan, hätten die neuen Seher sich berechtigt gesehen, an die Spitze ihres Systems die primäre Quelle aller Energie zu stellen, den einzigen Herrscher im Universum – und sie nannten ihn einfach den Tyrannen. Alle übrigen Despoten und Machthaber stünden natürlich unendlich weit unter dem Tyrannen. Verglichen mit der Ursache von allem, seien auch die schrecklichsten menschlichen Tyrannen nur Clowns; und daher bezeichne man sie als die »kleinenTyrannen«, pinches tiranos.

Er sagte, es gebe zwei Untergruppen von kleinen Tyrannen. Die erste Untergruppe bildeten jene kleinen Tyrannen, die einen plagten und elend machten, ohne einen wirklich zu Tode zu bringen. Dies seien die »schäbigen kleinen Tyrannen« -pinches tiranitos.

Die zweite Gruppe bildeten jene kleinen Tyrannen, die nur ärgerlich und unendlich lästig seien. Dies seien die »albernen kleinen Tyrannen« – repinches tiranitos, oder die »klitzekleinenTyrannen« – pinches tiranitos chiquitos.

Ich fand dieses Begriffssystem lächerlich. Ich war überzeugt, daß Don Juan die spanischen Bezeichnungen frei improvisiere. Ich fragte ihn, ob dem so sei.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte er mit belustigter Miene.

»Die neuen Seher waren große Meister der Systematik. Und Genaro ist zweifellos einer der größten. Falls du ihn einmal aufmerksam beobachten wolltest, würdest du erkennen, was die neuen Seher mit ihren Systemen bezweckten.«

Er lachte schallend über meine Verwirrung, als ich ihn fragte, ob er mich auf den Arm nehmen wolle.

»Das würde mir nicht im Traum einfallen«, sagte er und lächelte. »Genaro könnte so etwas tun – ich nicht, zumal ich weiß, wie du über Begriffssysteme denkst. Es ist nur so, daß die neuen Seher furchtbar respektlos waren.«

Die schäbigen kleinen Tyrannen, fuhr er fort, ließen sich nochmals in vier Gruppen unterteilen:

  • die einen, die uns brutal und gewalttätig plagen;
  • die anderen, die uns durch Bosheit und Tricks erschrecken;
  • wieder andere, die uns traurig machen;
  • und schließlich jene, die den Krieger quälen, indem sie ihn rasend wütend machen.

»La Gorda ist eine Klasse für sich«, meinte er abschließend. »Sie ist ein alberner kleiner Tyrann in voller Aktion. Sie ärgert dich, bis du vor Wut explodierst, und macht dich rasend. Sie ohrfeigt dich sogar. Mit alledem will sie dich Gleichmut lehren.«

»Das ist nicht möglich!« protestierte ich.

»Du überblickst noch nicht alle Bestandteile dieser Strategie der neuen Seher«, sagte er. »Bist du erst einmal soweit, dann wirst du wissen, welch ein wirksames und kluges Hilfsmittel es ist, einen kleinen Tyrannen zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Ich sage dir, diese Strategie ist nicht nur nützlich, um den Eigendünkel abzulegen; sie bereitet den Krieger auch auf die letzte Erkenntnis vor, daß Makellosigkeit das einzige ist, worauf es auf dem Pfad des Wissens ankommt.«

Mit dieser Strategie, sagte er, hätten die neuen Seher ein lebensgefährliches Manöver erfunden. Der kleine Tyrann sei dabei wie ein Berg, während die Attribute der Kriegerschaft wie Kletterer dem Gipfel entgegenstrebten.

»Für gewöhnlich werden nur vier dieser Attribute ins Spiel gebracht«, fuhr er fort. »Das fünfte, der Wille, wird für eine letzte Konfrontation aufgespart, sozusagen wenn der Krieger vor dem Peleton steht.«

»Warum ist das so?«

»Weil der Wille einem anderen Bereich angehört, nämlich dem Unbekannten. Die übrigen vier Attribute gehören zum Bereich des Bekannten, dem auch die kleinen Tyrannen angehören. Tatsächlich, gerade die zwanghafte Beschäftigung mit dem Bekannten kann einen Menschen zum kleinen Tyrannen machen.«

Wie diese fünf Attribute der Kriegerschaft zusammenwirkten, sagte Don Juan, das könne nur ein Seher verstehen, der zugleich ein makelloser Krieger sei und den Willen zu beherrschen wisse. Denn dieses Zusammenwirken sei ein sehr kompliziertes Manöver, das im Bereich der menschlichen Alltäglichkeit nicht mehr durchführbar sei.

»Vier Attribute der Kriegerschaft genügen«, sagte er, »um es auch mit dem ärgsten kleinen Tyrannen aufzunehmen. Vorausgesetzt, man hat einen kleinen Tyrannen gefunden. Denn der kleine Tyrann ist, wie ich sagte, das von außen hinzukommende Element. Wir können es nicht kontrollieren, und doch ist es vielleicht das wichtigste von allen. Mein Wohltäter sagte stets, daß ein Krieger, der zufällig über solch einen kleinen Tyrannen stolpert, von Glück sagen kann. Denn es gehört Glück dazu, einem kleinen Tyrannen von selbst zu begegnen. Sonst müßte man ausziehen und sich einen suchen.«

Eine große Errungenschaft jener neuen Seher aus der Zeit der Konquista sei es gewesen, daß sie – wie Don Juan sich ausdrückte – einen Drei-Phasen-Schritt entwickelten. Weil sie die Natur des Menschen verstanden, so sagte er, seien sie zu dem unbestreitbaren Schluß gelangt, daß ein Seher, der es mit den kleinen Tyrannen aufnehmen könne, sicherlich auch dem Unbekannten straflos gegenübertreten dürfe. Und wer dies vermöchte, der könne sogar die Gegenwart des Unbekannten ertragen.

»Der Durchschnittsmensch wird vielleicht einwenden«, sagte er, »daß der Satz eigentlich umgekehrt lauten müßte: Ein Seher, der dem Unbekannten gegenübertreten kann, dürfte es auch mit den kleinen Tyrannen aufnehmen. Aber so ist es nicht. Und genau diese Annahme trug zum Untergang der alten Seher bei. Wir wissen es heute besser. Wir wissen, daß nichts den Geist eines Kriegers so zu stählen vermag, wie die Herausforderung, sich mit unmöglichen Leuten in Machtpositionen herumzuschlagen. Nur in solchen Situationen findet der Krieger die Nüchternheit und Gelassenheit, die er braucht, um die Gegenwart des Unbekannten zu ertragen.«

Ich protestierte energisch. Ein Tyrann könne, meinte ich, seine Opfer nur hilflos machen – oder so brutal, wie er selber sei. Ich berief mich auf die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, die über seelische und körperliche Folgen der Folter für deren Opfer angestellt worden seien.

»Genau, es ist wie du sagst«, meinte er. »Der Unterschied ist, daß es Opfer waren, und keine Krieger. Früher habe ich genauso gedacht wie du. Jetzt will ich dir erzählen, was mich dazu brachte, meine Meinung zu ändern. Aber kehren wir noch einmal zurück zu dem, was ich vorhin über die Konquista sagte. Die damaligen Seher hätten nirgends eine günstigere Situation vorfinden können. Die kleinen Tyrannen, das waren damals die Spanier. Und du kannst mir glauben, daß sie die Fähigkeiten der Seher auf eine harte Probe stellten.

Nachdem sie den Konquistadoren standgehalten hatten, konnten es die Seher auch mit allem anderen aufnehmen. Sie hatten Glück. Damals gab es kleine Tyrannen allenthalben. Nach diesen fetten Jahren des Überflusses kam eine große Wende. Nie wieder gab es kleine Tyrannen in so großer Zahl; und nur damals war ihre Macht so unbegrenzt. Das beste Mittel, um einen Seher zur höchsten Vollendung zu führen, ist ein kleiner Tyrann mit unbeschränkter Machtfülle.

Heutzutage müssen sich die Seher tüchtig anstrengen, um einen würdigen Gegner zu finden. Meistens müssen sie mit den albernen Kleinen vorliebnehmen.«

»Hast auch du einen kleinen Tyrannen gefunden, Don Juan?«

»Ja, ich hatte Glück. Ein wahrer Riese nahm sich meiner an. Aber damals dachte ich wie du. Ich war überhaupt nicht von meinem Glück überzeugt.«

Don Juans Prüfung, erzählte er, fing an, ein paar Wochen bevor er seinem Wohltäter begegnete. Damals war er kaum zwanzig Jahre alt. Er hatte einen Job in einer Zuckermühle, wo er als Handlanger arbeitete. Er war schon immer besonders kräftig, darum fand er mühelos Arbeit, bei der >Muskeln< gefragt waren. Eines Tages, er wuchtete gerade die schweren Zuckersäcke, kam eine Frau vorbei. Sie war elegant gekleidet und sah aus wie eine bessere Dame. Sie mochte Anfang Fünfzig sein, und sie trat sehr selbstbewußt auf. Sie musterte Don Juan, sprach ein paar Worte mit dem Vorarbeiter und ging dann fort. Gleich darauf machte sich der Vorarbeiter an Don Juan heran und sagte, er könne ihn -natürlich gegen eine kleine Gebühr – für einen Posten im Hause des Chefs empfehlen. Don Juan sagte dem Mann, daß er kein Geld habe. Der Vorarbeiter meinte grinsend, da könne er ganz unbesorgt sein, am Zahltag werde er reichlich haben. Er klopfte Don Juan den Rücken und beteuerte, es sei eine große Ehre, im Haus des Chefs zu arbeiten.

Als einfacher, unwissender Indianer, so erzählte Don Juan, habe er dem Mann aufs Wort geglaubt; er sei sich gar vorgekommen, als habe ihn eine gute Fee beglückt. Er versprach zu bezahlen, was immer der Vorarbeiter verlangte. Dieser nannte einen hohen Betrag, zahlbar in zwei Raten. Anschließend führte der Vorarbeiter persönlich Don Juan zum Hause des Chefs, das etwas außerhalb der Stadt lag, und übergab ihn dort einem anderen Vorarbeiter, einem riesenhaften, düsteren, häßlichen Kerl, der eine Menge Fragen stellte. Er wollte auch etwas über Don Juans Familie wissen.

Don Juan sagte, er hätte keine. Der Mann schien so erfreut, daß er mit seinen fauligen Zähnen sogar ein Lächeln zustande brachte. Er versprach Don Juan guten Lohn und meinte, er könne sogar Geld auf die Seite legen, weil er, da er im Haus essen und schlafen sollte, nichts auszugeben brauchte. Die Art, wie der Mann lachte, war beängstigend. Don Juan wußte, er mußte sofort fliehen. Er lief zum Tor, aber der Mann, eine Pistole in der Hand, schnitt ihm den Weg ab. Er spannte den Hahn und stieß Don Juan die Waffe in den Bauch.

»Du bist hier, um zu arbeiten, bis du tot umfällst«, sagte er. »Vergiß es nicht.« Und er stieß Don Juan mit einem Knüppel vorwärts. Dann führte er ihn hinter das Haus, und mit der Bemerkung, daß seine Leute von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten hätten, trug er Don Juan auf, zwei gewaltige Baumstrünke auszugraben. Und er sagte, er werde Don Juan erschießen, falls er versuchen sollte zu fliehen oder ihn anzuzeigen. Und dann sagte er noch, er werde, falls Don Juan ihm dennoch entwischen sollte, vor dem Richter schwören, daß Don Juan versucht habe, den Patron zu ermorden.

»Du wirst hier arbeiten, bis du verreckst«, sagte er. »Dann wird ein anderer Indianer deinen Job übernehmen, genau wie du jetzt den Platz eines toten Indianers übernimmst.«

Das Haus, sagte Don Juan, sah aus wie eine Festung, überall mit Macheten bewaffnete Männer. Also arbeitete er drauflos und versuchte, nicht an seine mißliche Lage zu denken. Am Ende dieses Tages kam der Mann wieder und trieb ihn mit Fußtritten den ganzen Weg in die Küche, weil ihm der aufsässige Blick in Don Juans Augen nicht paßte. Er drohte an, Don Juan die Armsehnen durchzuschneiden, falls er nicht gehorchte. In der Küche gab eine alte Frau ihm etwas zu essen, aber Don Juan hatte solche Angst, daß er nichts hinunterbrachte. Die Alte empfahl ihm, tüchtig zu essen. Er müsse stark bleiben, sagte sie, denn seine Mühsal würde niemals enden. Sie erinnerte ihn daran, daß der Mann, der vor ihm diesen Job gehabt hatte, erst am Tag zuvor gestorben sei.

Er war zu schwach, um die Arbeit zu verrichten, und stürzte aus einem Fenster im zweiten Stock. Drei Wochen lang, sagte Don Juan, arbeitete er im Haus des Chefs, und der Mann schikanierte ihn jeden Tag und jede Minute. Er ließ ihn unter den gefährlichsten Bedingungen schuften, er trug ihm die denkbar schwersten Arbeiten auf und bedrohte ihn ständig mit dem Messer, mit dem Revolver, mit dem Knüppel. Jeden Tag schickte er ihn in den Stall, die Boxen auszumisten, in denen die nervösen Hengste standen. Immer wenn der Tag anfing, meinte Don Juan, es wäre sein letzter auf Erden. Und falls er überlebte, bedeutete es nur, daß er am folgenden Tag erneut diese Hölle durchmachen mußte.

Das Ende beschleunigte sich, als Don Juan um einen kurzen Urlaub bat. Er gab vor, er müsse in die Stadt gehen, um dem Vorarbeiter in der Zuckermühle das geschuldete Geld zu bezahlen. Darauf sagte dieser andere Vorarbeiter, Don Juan dürfe seine Arbeit keine Minute unterbrechen. Er sei – für das Vorrecht, dort arbeiten zu dürfen – bis über die Ohren verschuldet. Don Juan wußte, es war um ihn geschehen. Er durchschaute die Machenschaften dieses Mannes. Er und der andere Vorarbeiter steckten unter einer Decke. Sie schleppten einfache Indianer von der Zuckermühle herbei, schindeten sie zu Tode und teilten sich ihren Lohn. Diese Erkenntnis machte ihn so wütend, daß er schreiend aus der Küche lief – ins Innere des Wohnhauses. Der Vorarbeiter und die anderen Knechte waren überrascht. Don Juan rannte zur vorderen Tür hinaus und konnte beinah entkommen. Aber der Vorarbeiter holte ihn auf der Straße ein und schoß ihn durch die Brust. Er hielt ihn für tot und ließ ihn einfach liegen.

Don Juan sagte, anscheinend habe sein Schicksal es nicht gewollt, daß er starb. Sein Wohltäter fand ihn und pflegte ihn, bis er wieder gesund wurde.

»Als ich meinem Wohltäter die ganze Geschichte berichtete«, sagte Don Juan, »wußte er sich gar nicht zu halten vor Begeisterung. »Dieser Vorarbeiter ist ja einsame Klasse«, sagte mein Wohltäter. »Er ist viel zu gut, um so eine Gelegenheit zu vergeuden. Eines Tages mußt du in dieses Haus zurückehren.«

In höchsten Tönen pries er mein Glück, daß ich unter Millionen gerade diesen einen, mit seiner unbeschränkten Macht, gefunden hatte. Ich glaubte, der Alte sei verrückt. Es dauerte viele Jahre, ehe ich verstanden hatte, wovon er sprach.

»Das ist ja die furchtbarste Geschichte, die ich jemals gehört habe«, sagte ich. »Bist du tatsächlich in dieses Haus zurückgekehrt?«

»Aber sicher, drei Jahre später. Mein Wohltäter hatte recht gehabt. Ein kleiner Tyrann wie dieser, das war eine Chance von eins zu einer Million, die durfte man nicht vergeuden.«

»Wie schafftest du es, zurückzukehren?«

»Mein Wohltäter entwickelte eine Strategie, die auf den vier Attributen der Kriegerschaft aufbaute: Kontrolle, Disziplin, Voraussicht und Timing.«

Sein Wohltäter, sagte Don Juan, habe ihm genau erklärt, wie er es anstellen müsse, um die Auseinandersetzung mit diesem Scheusal zu seinem Vorteil zu wenden. Und er habe ihn auch die ersten vier Schritte auf dem Weg des Wissens gelehrt, wie die Seher sie kannten: Der erste Schritt ist die Entscheidung, Lehrling zu werden. Nachdem der Lehrling sein Bild von sich selbst und von der Welt verändert hat, tut er den zweiten Schritt und wird ein Krieger, was bedeutet, daß er höchster Disziplin und Selbstkontrolle fähig ist. Der dritte Schritt, nachdem auch Voraussicht und Timing erlernt sind, besteht darin, ein Wissender zu werden. Wenn der Wissende sehen lernt, hat er den vierten Schritt getan und ist ein Seher geworden.

Der Wohltäter sagte zu Don Juan, er wandle nun lange genug auf dem Pfad des Wissens, um wenigstens die ersten zwei Attribute erworben zu haben: Kontrolle und Disziplin. Diese beiden Attribute, betonte Don Juan, bezogen sich auf einen inneren Zustand. Der Krieger sei selbstbezogen, aber nicht auf eigensüchtige Weise, sondern im Sinn einer umfassenden, dauernden Selbstprüfung.

»Damals waren mir die beiden anderen Attribute noch verschlossen«, fuhr Don Juan fort. »Voraussicht und Timing sind nicht direkt ein innerer Zustand. Sie beziehen sich auf das äußere Umfeld eines Wissenden. Mein Wohltäter demonstrierte sie mir durch seine Strategie.«

»Du meinst also, du warst allein nicht in der Lage, dem kleinen Tyrannen entgegenzutreten?« fragte ich.

»Ich bin mir sicher, ich hätte es alleine geschafft, auch wenn ich stark im Zweifel bin, ob ich die Sache mit Schwung und Fröhlichkeit hinter mich gebracht hätte. Mein Wohltäter genoß die Begegnung – indem er sie dirigierte. Die Idee ist, daß der kleine Tyrann nicht nur benutzt wird, um den Geist des Kriegers zu vervollkommnen, sondern auch, um dabei Spaß und Vergnügen zu finden.«

»Wie könnte jemand Vergnügen finden an solch einem Ungeheuer, das du beschrieben hast?«

»Er war ein Nichts, verglichen mit den wirklichen Ungeheuern, denen die neuen Seher während der Konquista begegneten. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die neuen Seher keinen schlechten Spaß mit ihnen hatten. Sie bewiesen, daß man sogar mit den schlimmsten Tyrannen sein Vergnügen haben kann, vorausgesetzt natürlich, man ist ein Krieger.«

Der Durchschnittsmensch, erklärte Don Juan, mache den Fehler, den kleinen Tyrannen ohne eine Strategie zu begegnen, auf die er sich stützen könnte; es sei die fatale Schwäche des Durchschnittsmenschen, daß er sich selbst zu ernst nehme; genau wie die kleinen Tyrannen, messe er seinen Handlungen und seinen Gefühlen zuviel Gewicht bei. Der Krieger dagegen habe nicht nur eine wohldurchdachte Strategie, er sei auch frei von Eigendünkel. Was seinen Eigendünkel im Zaum halte, sei die Erkenntnis, daß die Realität nur eine von uns selbst gegebene Deutung ist. Dieses Wissen habe den Sehern einen entscheidenden Vorteil vor den einfältigen Spaniern eingeräumt.

Don Juan habe gewußt, erzählte er, daß er den Vorarbeiter besiegen konnte – einzig bewaffnet mit der Erkenntnis, daß die kleinen Tyrannen sich todernst nehmen, während der Krieger dies nicht tut. Dem strategischen Plan seines Wohltäters gehorchend, nahm Don Juan wieder einen Job in dieser Zuckermühle an. Niemand erinnerte sich daran, daß er schon früher einmal dort gearbeitet hatte; dort kamen und gingen die Knechte, ohne Spuren zu hinterlassen.

Die Strategie seines Wohltäters sah vor, daß Don Juan genau aufpassen sollte, ob jemand ein neues Opfer suchen käme. Und so geschah es auch. Wieder kam diese Frau, und wieder suchte sie ihn aus, wie sie es schon einmal getan hatte.

Diesmal war er noch kräftiger als damals. Alles geschah in derselben Reihenfolge wie damals. Doch die Strategie sah vor, Don Juan solle von Anfang an jede Zahlung an den Vorarbeiter verweigern. Der Mann war noch nie abgewiesen worden, und er verlor seine Selbstsicherheit. Er drohte an, Don Juan aus dem Job zu feuern. Don Juan drohte zurück und sagte, er werde direkt zum Hause der Dame gehen und mit ihr persönlich sprechen. Don Juan wußte, daß die Frau, die Gattin des Fabrikbesitzers, von den Geschäften der beiden Vorarbeiter nichts wußte. Er erzählte dem Vorarbeiter, er wisse wohl, wo sie wohnte, denn er habe schon einmal, bei der Zuckerrohr-Ernte, auf den angrenzenden Feldern gearbeitet. Der Mann verlegte sich aufs Feilschen, und Don Juan verlangte nun seinerseits Geld von ihm, bevor er sich bereit finden wollte, in das Haus der Dame zu gehen. Der Vorarbeiter lenkte ein und drückte Don Juan ein paar Scheine in die Hand. Don Juan war sich völlig klar, daß das Einlenken des Vorarbeiters nur eine List war, um ihn in dieses Haus zu locken.

»Und wieder führte er selbst mich zum Haus«, sagte Don Juan. »Es war eine alte Hazienda, die den Besitzern der Zuckermühle gehörte – reichen Leuten, die entweder wußten, was gespielt wurde, und sich nicht darum kümmerten, oder zu gleichgültig waren, um etwas zu merken. Kaum war ich dort, lief ich ins Haus und suchte die Dame. Ich fand sie und fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihr die Hände und dankte ihr. Die beiden Vorarbeiter standen da, blaß vor Wut. Der Vorarbeiter vom Hause benahm sich genau wie beim erstenmal. Aber ich hatte das richtige Rüstzeug, um mit ihm fertigzuwerden. Ich hatte Kontrolle, Disziplin, Voraussicht und das richtige Timing. Es kam genau, wie mein Wohltäter es geplant hatte. Meine Kontrolle erlaubte mir, den irrsinnigsten Forderungen des Mannes zu gehorchen. Was uns meist in solchen Situationen schwächt, ist die Verletzung unseres Eigendünkels. Jeder, der nur ein Fünkchen Stolz hat, zerbricht daran, so unwürdig behandelt zu werden. Ich aber tat mit Freuden, was er von mir verlangte. Ich war fröhlich und stark. Ich pfiff auf meinen Stolz und meine Angst. Ich war als makelloser Krieger angetreten. Den Geist zu stählen, während du mit Füßen getreten wirst – das ist’s, was man Kontrolle nennt.«

Die Strategie seines Wohltäters, erklärte Don Juan, sah vor, daß er sich nicht bemitleide, wie er es früher getan hatte, sondern unverzüglich anfing, die Stärken des Mannes zu registrieren – und auch seine Schwächen, seine Marotten. Die Stärken des Vorarbeiters, das fand Don Juan bald heraus, waren seine Gewalttätigkeit und seine Verwegenheit. Er hatte Don Juan am hellen Tage niedergeschossen, vor den Augen vieler Zuschauer. Seine große Schwäche war, daß er seinen Job liebte und ihn nicht gefährden wollte. Unter keinen Umständen durfte er also versuchen, Don Juan bei Tage im Umkreis des Hauses zu töten. Eine weitere Schwäche von ihm war, daß er ein Familienmann war. Er hatte Frau und Kinder, die in einer Hütte hinter dem Haus lebten.

»Alle diese Informationen zu sammeln, während du zusammengeschlagen wirst – das ist es, was man Disziplin nennt«, sagte Don Juan. »Der Mann war ein wahrer Satan. Er kannte kein Erbarmen. Die neuen Seher wissen aber, daß ein kleiner Tyrann nichts Versöhnliches hat.«

Don Juan erzählte, daß die beiden anderen Attribute der Kriegerschaft, nämlich Voraussicht und das richtige Timing, die er noch nicht besaß, automatisch in die Strategie seines Wohltäters eingebaut waren. Voraussicht heiße, sagte er, warten zu können -einfach und fröhlich, ohne Eifer und ohne Angst, zurückzuhalten, was angemessen wäre.

»Ich demütigte mich jeden Tag«, fuhr Don Juan fort, »manchmal weinend unter der Peitsche des Mannes. Und doch war ich glücklich. Die Strategie meines Wohltäters half mir, Tag für Tag durchzuhalten, ohne Haß auf die Anmaßung dieses Mannes. Ich war ein Krieger. Ich wußte, daß ich wartete, und ich wußte, worauf ich wartete. Genau darin liegt die große Freude der Kriegerschaft.«

Und weiter habe die Strategie vorgesehen, erzählte er, den Mann systematisch zu zermürben, indem Don Juan bei höheren Stufen der Hierarchie Deckung suchte, genau wie die Seher des neuen Zyklus es taten, als sie sich, zur Zeit der Konquista, hinter der katholischen Kirche abschirmten. Ein geringer Priester war damals oft mächtiger als ein Edelmann. Don Juans Schirm und Schutz war die Dame, die ihm den Job verschafft hatte. So oft er sie sah, kniete er vor ihr nieder und nannte sie eine Heilige. Er bat sie sogar um ein Amulett ihres Schutzpatrons, zu dem er für ihr Wohl und ihre Gesundheit beten wollte.

»Sie schenkte mir eines«, fuhr Don Juan fort, »und dies brachte den Vorarbeiter vollends um den Verstand. Als ich die Dienstboten zum Nachtgebet versammelte, bekam er beinah einen Herzschlag. Damals beschloß er, glaube ich, mich umzubringen. Er konnte es sich nicht leisten, mich auf diese Weise weitermachen zu lassen. Als Gegenzug rief ich alle Dienstboten des Hauses zum Rosenkranz zusammen. Die Dame muß mich für einen wahren Heiligen gehalten haben. Danach schlief ich nicht mehr allzu tief, und ich schlief nicht mehr in meinem Bett. Jeden Abend kletterte ich auf das Dach hinauf.

Zweimal sah ich ihn von dort oben, wie er, Mord in den Augen, durch die Nacht schlich und mich suchte. Jeden Tag schickte er mich in den Stall zu den Hengsten, denn er hoffte, sie würden mich tot trampeln. Aber ich hatte mir eine Planke aus dicken Bohlen gemacht, die ich in einer Ecke festklemmte, um dahinter Schutz zu suchen. Der Mann ahnte nichts davon, denn er verabscheute die Pferde – eine weitere seiner Schwächen, und eine tödliche, wie sich zeigen sollte. Das Timing, sagte Don Juan, sei jenes Attribut des Kriegers, das ! darüber entscheide, wann alles, was er bis dahin zurückgehalten hat, entfesselt werden soll. Kontrolle, Disziplin und Voraussicht seien wie ein Damm, hinter dem alles aufgestaut werde. Das Timing sei wie die Schleuse in diesem Damm.

Dieser Vorarbeiter, erzählte Don Juan, kannte nur Gewalt, mit der er Terror übte. Wenn es gelang, seine Gewalttätigkeit zu neutralisieren, war er so gut wie hilflos. Don Juan wußte, der Mann würde es nicht wagen, ihn im Umkreis des Hauses zu töten. Darum beleidigte er den Mann im Beisein anderer Arbeiter und vor den Augen der Dame. Er schimpfte ihn einen Feigling, der schlotternde Angst vor der Frau seines Chefs hätte. Die Strategie seines Wohltäters sah vor, wachsam einen solchen Augenblick abzuwarten und ihn zu nutzen, um den Spieß gegen den Mann umzudrehen. Aber, wie es oft geht im Leben: Auch der demütigste Sklave wird irgendwann den Tyrannen verspotten, ihn vor Zeugen lächerlich machen und entspringen, bevor der Tyrann Zeit findet, Vergeltung zu üben.

»Der Mann tobte vor Wut, aber schon fiel ich demütig vor der Dame auf die Knie«, fuhr er fort. Als die Dame dann ins Haus gegangen war, erzählte Don Juan, riefen der Vorarbeiter und seine Freunde ihn hinters Haus, angeblich, um ihm irgendeine Arbeit zu befehlen. Der Mann war blaß im Gesicht. Und seine Stimme verriet, was er in Wirklichkeit mit Don Juan im Sinn hatte. Darum gab Don Juan vor, er wolle gehorchen, doch er kam nicht hinter das Haus, sondern lief zu den Stallungen hinüber. Die Pferde, so hoffte er, würden einen solchen Radau machen, daß die Herrschaften herauskämen, um nachzusehen, was los sei. Und dieser Mann, das wußte er, würde es nicht wagen, auf ihn zu schießen. Es wäre viel zu laut gewesen, und außerdem hatte der Mann zuviel Angst, seinen Job aufs Spiel zu setzen. Don Juan wußte auch, daß der Mann sich nicht zu den Pferden hineintrauen würde – es sei denn, man reizte ihn zum Äußersten.

»Ich sprang also zu dem wildesten Hengst in die Box«, sagte Don Juan, »und der kleine Tyrann, blind vor Wut, zog sein Messer und sprang hinter mir her. Ich duckte mich sofort hinter meine Planke. Das Pferd schlug einmal aus – und das war das Ende.

Sechs Monate hatte ich in diesem Haus zugebracht, und in dieser Zeit hatte ich mich in den vier Attributen der Kriegerschaft geübt. Dank ihnen hatte ich es ausgehalten. Kein einziges Mal hatte ich mich bemitleidet oder Tränen der Ohnmacht geweint. Ich war fröhlich und heiter gewesen. Meine Kontrolle und meine Disziplin waren geschärft wie noch nie, und ich hatte aus unmittelbarer , Anschauung gelernt, was Voraussicht und richtiges Timing für einen makellosen Krieger erreichen können. Kein einziges Mal hatte ich diesem Mann den Tod gewünscht. Mein Wohltäter erklärte mir noch etwas sehr Interessantes. Voraussicht bedeutet, sagte er, daß der Krieger im Geist etwas zurückhält, was eigentlich, wie er weiß, angemessen wäre. Voraussicht bedeutet nicht, daß der Krieger mit Rachegedanken umherläuft oder alte Rechnungen zu begleichen versucht. Voraussicht ist unabhängig vom jeweiligen Gegenüber. Solange der Krieger nur Kontrolle, Disziplin und richtiges Timing hat, wird Voraussicht dafür sorgen, daß er schließlich jedem heimzahlen kann, was ihm gebührt.«

»Gewinnen die kleinen Tyrannen auch manchmal? Können sie einen Krieger vernichten, der gegen sie antritt?« fragte ich.

»Sicher. Es gab eine Zeit, zu Anfang der Konquista, da starben die Krieger wie die Fliegen. Ihre Reihen lichteten sich. Die kleinen Tyrannen konnten jeden töten, ganz wie es ihnen paßte. Unter solchem äußeren Druck errangen die Seher die höchsten Stufen der Vollendung.«

In jener Zeit, sagte Don Juan, hätten die überlebenden Seher alles daransetzen müssen, um neue Wege zu finden. »Die neuen Seher«, sagte Don Juan, mich eindringlich anstarrend, »benützten die kleinen Tyrannen nicht nur, um ihren Eigendünkel loszuwerden; sie vollbrachten mit deren Hilfe auch das schwierige Manöver, diese Welt zu verlassen. Aber laß uns noch ein wenig über die Beherrschung des Bewußtseins sprechen, dann wirst du auch dieses Manöver verstehen.«

Ich fragte Don Juan, ob jene kleinen Tyrannen, die er als die »Albernen, oder Klitzekleinen« bezeichnet hatte, auch noch in unserer Zeit einen Krieger besiegen könnten?

»Sie konnten es zu allen Zeiten«, erwiderte er. »Die Folgen sind heute nicht mehr so schwerwiegend wie früher. Heute hat der Krieger natürlich immer die Chance, sich davon zu erholen. Er kann seine Kräfte sammeln und später zurückehren. Aber das Problem liegt ganz woanders. Von einem albernen Tyrannen besiegt zu werden, ist nicht tödlich, aber es ist vernichtend.

Die Sterbeziffer, sozusagen, ist beinah genauso hoch. Was ich damit sagen will: ein Krieger, der gegen einen kleinen Tyrannen verliert, wird durch sein eigenes Gefühl der Niederlage und Wertlosigkeit vernichtet. Und das heißt für mich soviel wie Sterben.«

»Woran willst du Niederlage ermessen?«

»Wer sich unter die kleinen Tyrannen einreiht, ist besiegt. Im Zorn handeln, ohne Kontrolle und Disziplin, und ohne Voraussicht – das nennt man besiegt zu sein.«

»Was geschieht, wenn ein Krieger besiegt ist?«

»Entweder er sammelt noch einmal seine Kräfte, oder er gibt die Suche nach Wissen auf und reiht sich für den Rest des Lebens unter die kleinen Tyrannen ein.«