Carlos Castaneda – Das Feuer von innen

Vorwort

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In ausführlichen Berichten habe ich meine Lehrer-Schüler-Beziehung zu Don Juan Matus geschildert, einem indianischen Zauberer aus Mexiko. Bedingt durch die Fremdartigkeit der Ideen und Praktiken, die zu verstehen und zu verinnerlichen Don Juan von mir verlangte, blieb mir keine andere Wahl, als seine Lehren in Form einer erzählenden Geschichte wiederzugeben, einer Erzählung dessen, was geschah, während es geschah. Das System der Lehren Don Juans ging von der Idee aus, daß der Mensch zwei Arten von Bewußtsein hat. Er nannte sie die rechte Seite und die linke Seite. Die erstere bezeichnete er als jenen normalen Bewußtseinszustand, wie wir ihn im Alltagsleben brauchen. Die zweite, so sagte er, sei die geheimnisvolle Seite des Menschen, jene Bewußtheit, die jemand braucht, um als Zauberer und als Seher zu fungieren. Entsprechend unterteilte Don Juan seine Unterweisungen in Lehren für die rechte Seite und Lehren für die linke Seite.

Seine Lehren für die rechte Seite vermittelte er mir, während ich mich in meinem normalen Bewußtseinszustand befand, und diese Lehren habe ich in allen meinen bisherigen Berichten geschildert. In diesem normalen Bewußtseinszustand sagte mir Don Juan, daß er ein Zauberer sei. Er machte mich auch mit einem anderen Zauberer bekannt, mit Don Genaro Flores, und nach der Art unserer Beziehung folgerte ich ganz logisch, daß sie beide mich als ihren Lehrling angenommen hätten. Diese Lehrzeit endete mit einer unbegreiflichen Tat, zu der Don Juan und Don Genaro mich veranlaßten. Sie ließen mich von der Höhe eines flachen Berges in einen Abgrund springen. Was auf diesem Berggipfel geschehen war, habe ich in einem meiner Berichte geschildert. An diesem letzten Drama der Lehren Don Juans für meine rechte Seite wirkten mit: Don Juan selbst und Don Genaro, die beiden Lehrlinge Pablito und Nestor und ich. Pablito, Nestor und ich taten den Sprung von jenem Berggipfel in den Abgrund.

Danach war ich jahrelang überzeugt gewesen, daß nur mein völliges Vertrauen zu Don Juan und Don Genaro ausgereicht hatte, um alle meine rationalen Ängste angesichts der bevorstehenden Vernichtung beiseite zuschieben. Heute weiß ich, daß es sich nicht so verhielt; ich weiß, daß das Geheimnis in Don Juans Lehren für die linke Seite gelegen war und daß es Don Juan, Don Genaro und ihren Gefährten ungeheure Disziplin und Ausdauer abverlangte, mir diese Lehren zu vermitteln.

Danach brauchte ich beinahe zehn Jahre, um mich zu erinnern, was eigentlich bei diesen seinen Lehren für die linke Seite geschehen war, die mich schließlich bereit machten, eine so ungeheuerliche Tat auszuführen: den Sprung in den Abgrund. In seinen Lehren für die linke Seite gab mir Don Juan denn auch zu verstehen, was er selbst, Don Genaro und ihre Gefährten in Wirklichkeit taten und wer sie waren. Sie lehrten mitnichten die Zauberei, sondern die Meisterschaft in drei Aspekten eines alten Wissens, das sie besaßen – Bewußtheit, Pirschen und Absicht. Sie waren keine Zauberer; sie waren Seher. Und Don Juan war nicht nur Seher, sondern auch Nagual.

Bereits in den Lehren für die rechte Seite hatte mir Don Juan viel über den Nagual und über das Sehen erzählt. Das Sehen hatte ich verstanden als die Fähigkeit des Menschen, das Spektrum seiner Wahrnehmung so zu erweitern, daß er schließlich fähig wäre, nicht nur die äußeren Erscheinungen, sondern auch das Wesen aller Dinge zu erkennen. Auch hatte er mir erklärt, daß die Seher den Menschen als ein Energiefeld wahrnehmen, das wie ein leuchtendes Ei aussieht. Bei den meisten Menschen, sagte er, sei dieses Energiefeld in zwei Teile gespalten. Etliche Männer und Frauen aber hätten drei oder vier solcher Teile. Weil diese Leute nun widerstandsfähiger sind als normale Menschen, können sie, wenn sie erst einmal zu sehen gelernt haben, Naguals werden. In seinen Lehren für die linke Seite erläuterte mir Don Juan auch die besonderen Schwierigkeiten, auf die es beim Sehen oder bei einem Nagual ankam. Ein Nagual zu sein, so sagte er, bedeute etwas Komplizierteres und Gewichtigeres als bloß ein recht widerstandsfähiger Mensch zu sein, der zu sehen gelernt hat. Ein Nagual zu sein, das bedeute, ein Anführer zu sein, ein Lehrer und Leiter.

Als Nagual war Don Juan der Leiter einer Gruppe von Sehern und Seherinnen, genannt der Zug des Nagual und bestehend aus acht Seherinnen – Cecilia, Delia, Hermelinda, Carmela, Nelida, Florinda, Zuleica und Zoila; drei Sehern – Vicente, Silvio Manuel und Genaro; und vier Kurieren oder Boten – Emilio, JohnTuma, Marta und Teresa.

Außer der Leitung des Nagualzuges führte und unterrichtete Don Juan auch noch eine Gruppe von Seher-Schülern, genannt der neue Zug des Nagual. Sie bestand aus vier jungen Männern – Pablito, Nestor, Eligio und Benigno – und fünf Frauen – Soledad, la Gorda, Lidia, Josefina und Rosa.

Ich war, neben der Nagual-Frau Carol, der nominelle Leiter des neuen Nagualzuges. Damit Don Juan mir seine Lehren für die linke Seite vermitteln konnte, war es notwendig, daß ich in einen einzigartigen Zustand klarer Wahrnehmung geriet, bezeichnet als gesteigerte Bewußtheit. In all den Jahren meiner Verbindung mit ihm ließ er mich immer wieder in diesen Zustand überwechseln, und zwar durch einen Schlag mit der flachen Hand, den er mir auf den Rücken versetzte. Im Zustand gesteigerter Bewußtheit, so erklärte Don Juan, können Lehrlinge sich fast so natürlich wie im alltäglichen Leben bewegen, aber sie sind imstande, ihren Geist mit ungewöhnlicher Klarheit und Eindringlichkeit auf alle Dinge einzustellen. Eine besondere Eigenschaft dieser gesteigerten Bewußtheit ist allerdings, daß sie nicht der normalen Erinnerung zugänglich ist. Was in solch einem Zustand stattfindet, kann der Lehrling nur durch einen ungeheuren Wiederbelebungsversuch zum Bestandteil seines Alltagsbewußtseins machen.

Ein Beispiel für diese Schwierigkeit, sich zu erinnern, bietet mein Umgang mit dem Zug des Nagual. Abgesehen von Don Genaro, hatte ich nur dann mit ihnen Kontakt, wenn ich mich in einem Zustand gesteigerter Bewußtheit befand; und deshalb konnte ich mich in meinem alltäglichen Leben nicht an sie erinnern, nicht einmal als verschwommene Figuren eines Traumes. Die Art, wie ich jedesmal mit ihnen zusammentraf, war beinahe ein Ritual. Ich pflegte nach Don Genaros Haus zu fahren, in einer kleinen Stadt im Süden Mexikos. Sofort stieß Don Juan dann zu uns, und wir drei beschäftigten uns mit Don Juans Lehren für die rechte Seite. Danach pflegte Don Juan mich in eine andere Bewusstseinsebene überwechseln zu lassen, und wir fuhren in eine nahegelegene größere Stadt, wo er und die übrigen fünfzehn Seher wohnten. Jedes mal, wenn ich in den Zustand gesteigerter Bewußtheit eintrat, erfaßte mich unendliches Staunen über die Verschiedenheit meiner zwei Seiten. Es war stets, als würde mir ein Schleier von den Augen gezogen, als wäre ich vorher teilweise blind gewesen und könnte erst jetzt richtig sehen. Die Freiheit, die reine Freude, die mich bei solchen Gelegenheiten befiel, ist mit nichts vergleichbar, was ich jemals erlebt hätte. Gleichzeitig aber war da ein beängstigendes Gefühl der Traurigkeit und Sehnsucht, das mit jener Freiheit und Freude aufs engste verbunden war. Don Juan hatte mir gesagt, daß es keine Vollkommenheit ohne Traurigkeit und Sehnsucht gäbe, denn ohne sie gebe es keine Ernsthaftigkeit, keine Freundlichkeit.

Weisheit ohne Freundlichkeit, so sagte er, und Wissen ohne Ernsthaftigkeit sind nutzlos. Das System seiner Lehren für die linke Seite sah auch vor, daß Don Juan, zusammen mit einigen seiner Seher-Gefährten, mir die drei Aspekte ihres Wissens erläuterte: die Meisterschaft der Bewußtheit, die Meisterschaft des Pirschens und die Meisterschaft der Absicht.

Dieses Buch handelt von der Bemeisterung der Bewußtheit, die nur einen Teil des Gesamtsystems seiner Lehren für die linke Seite ausmacht; den Teil nämlich, mit dessen Hilfe er mich darauf vorbereitete, jene erstaunliche Tat – den Sprung in einen Abgrund – auszuführen.

Bedingt durch die Tatsache, daß die Erfahrungen, von denen ich hier berichte, sich im Zustand gesteigerter Bewußtheit zutrugen, zeigen sie nicht das Gepräge des alltäglichen Lebens. Es fehlt ihnen der Zusammenhang mit den Dingen dieser Welt, auch wenn ich mich nach Kräften bemüht habe, ihn herzustellen, ohne eine Fiktion zu erfinden. Im Zustand gesteigerter Bewußtheit ist man sich nur minimal der Umgebung bewußt, denn die ganze Aufmerksamkeit wird durch die Einzelheiten des unmittelbaren Tuns in Anspruch genommen.

Dieses unmittelbare Tun war in unserem Fall natürlich meine Unterweisung in der Meisterschaft der Bewußtheit. Don Juan verstand die Meisterschaft der Bewußtheit als eine moderne Variante einer sehr alten Überlieferung, die er als Überlieferung der alten toltekischen Seher bezeichnete. Zwar glaubte er sich unlösbar mit dieser alten Überlieferung verbunden, doch er betrachtete sich als einen der Seher eines neuen Zyklus. Als ich ihn einmal fragte, was die wesentliche Eigenschaft dieser Seher des neuen Zyklus wäre, da sagte er, sie seien die Krieger einer absoluten Freiheit, sie seien solche Meister der Bewußtheit, des Pirschens und der Absicht, daß sie nicht, wie der Rest der Menschheit, dem Tode verfallen sind, sondern selbst den Augenblick und die Art ihres Abschieds von der Welt wählen können. In diesem Augenblick werden sie von einem inneren Feuer verzehrt und verschwinden vom Antlitz dieser Erde, frei, als hätten sie nie existiert.


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